Das Hotel Mama sucht den Ausstieg.

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Tja, da stand ich nun, mitten in der blank geputzten Küche meiner Kundin. Ich sah einige Papierfetzen herumliegen und suchte mit den Augen unauffällig nach dem angekündigten Chaos, das es aufzuräumen galt. Wenn ich den Hals etwas streckte, erblickte ich einen weiteren Papierstapel.

Es erinnerte mich an einen früheren Einsatz, wo ich in ein vermeintliches Tohuwabohu gerufen wurde, um vor Ort festzustellen, dass die Wohnung tiptop aufgeräumt und geputzt war. Leider wusste ich damals noch nichts vom mentalen Aufräumen, sonst hätte ich mich mit der Dame an den Tisch gesetzt, um mit ihr die Gedanken, die offensichtlich mit der Realität wenig gemeinsam hatten, zu überprüfen. Aber zurück zu meinem ersten Beispiel:

Die Kundin arbeitete halbtags und hatte eine Familie mit zwei erwachsenen Söhnen und einem Ehemann. Sie schwärmte davon, mal endlich etwas Zeit für sich zu haben. Auf meine Frage, was sie denn davon abhalten würde, zählte sie mir alle ihre Pflichten auf. Die drei Herren der Schöpfung waren erwartungsgemäss nicht eingebunden ins Haushaltprogramm, die seien ja alle am Arbeiten tagsüber und hätten extrem strenge Jobs. Und keine Zeit, um eine Zeitung oder die Werbeprospekte, die von den diversen Discountern ins Haus flatterten, anzuschauen. Und da sie nicht wollte, dass diese etwas verpassen, übernahm sie diese Arbeit, schnitt liebevoll Aktionen aus, malte sie mit dem Leuchtmarker an und überraschte die Familie mit ihren Aufmerksamkeiten. Leider kam dies je länger je mehr nicht mehr so gut an, die Jungen waren eher genervt bzw. wenn sie ein Angebot gut fanden, hatten sie natürlich keine Zeit, um diese Besorgung zu erledigen – also übernahm die Mutter dies gleich mit.

Es ging so weit, dass die für ihren jüngsten Sohn die Zigarettenaktionen ausschnitt, damit er die einmalige Chance nicht verpasste, fünf Franken pro Stange Zigi zu sparen. Ich sagte zur ihr, sie sei die erste Mutter, die es gut finde, dass ihr Teenie raucht. Sie schaute mich erstaunt an und fragte mich, wie ich denn darauf kommen würde. Selbstverständlich sei sie total dagegen, dass er rauche. Auf meine Rückfrage, weshalb sie ihn dann noch aktiv darauf aufmerksam machen würde und meinen Tipp hin, sie solle jetzt bitte nicht sagen „er rauche ja sowieso“, wurde sie sehr still. 

Und dann machten wir The Work. Statt im tatsächlich ziemlich strub aussehenden Büro Papier zu sortieren, machten wir Ordnung in ihrem Kopf. Denn sie sah plötzlich sehr verlassen und unglücklich aus. Und das war ja nicht die Idee. Ich schaute sie liebevoll an und fragte sie, ob sie Lust hätte auf ein kleines Experiment. Darauf hin fragte ich sie, was das Schlimmste sei, was passieren könnte, wenn sie diese Art von Dienstleistungen einstellen würde bzw. ihrer Family mitteilen würde, sie hätte künftig keine Zeit mehr dafür und sie sollten die Prospekte bitte selber durchsehen.

Sie zählte Dinge auf wie: Ich bin für nichts mehr gut. Ich bin überflüssig. Sie ziehen aus und nehmen sich eine eigene Wohnung. Ich werde nicht mehr gebraucht. Sie sind wütend auf mich. Sie denken, ich hätte Wichtigeres zu tun, als für die Familie dazusein. Wir haben keinen Gesprächsstoff mehr am Mittagstisch. Mein Mann denkt, ich sei jetzt auch eine von diesen modernen Frauen, die sich für alles zu schön sind und Flausen im Kopf haben … Und viele Sätze mehr.

Erstaunt es noch jemanden, dass diese dynamische, attraktive Frau im besten Alter buchstäblich keine Zeit für sich finden durfte und sich nonstop nützlich machen musste? Mich nicht. Nach der Work startete sie ganz aufgeregt mit 15 Minuten pro Nachmittag – für sich …

Das ist genau, was ich dir aufzeigen möchte. Das Aufräumen war nicht das wirkliche Problem. So lange dieser Mensch seine Gedanken glaubt, wird ihn sein Unterbewusstsein blockieren und es nicht zulassen, dass er ein ganz kleines bisschen Freiheit schnuppert. 

Was möchtest du schon so lange gerne tun und es passiert ganz einfach nie?